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Samstag, 5. Januar 2013

YNSANTER - Die Vergangenheit



Der folgende Text ist eine kleine Ergänzung für all diejenigen, die Ynsanter - Pfade des Feuers bereits gelesen haben, es gerade lesen oder vorhaben es zu lesen.

Den Text könnt ihr euch auch als PDF downloaden




YNSANTER

geschrieben von Annette Eickert



Die Vergangenheit


Es begann mit der Erschaffung Zantheras durch die große Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes, jene, die Anfang und Ende von allem ist, jedoch niemals einen Namen hat. Sie gab einen Teil ihres Wesens hin und formte daraus die Erde. Ihr Atem war die Luft und ihre Freudentränen das Wasser. Das Feuer ihrer Hingabe hielt alles zusammen. Schließlich gab sie ihrer Schöpfung den Namen Zanthera. Glücklich über ihr Werk betrachtete sie es eine Weile und bemerkte, dass etwas fehlte. So erschuf sie die Pflanzen und die Tiere, damit sie auf der Welt wandelten. Doch dem nicht genug, erwachten die Wächter der Vergangenheit zum Leben. Kreaturen von Größe und Macht und mit keinem anderen Lebewesen vergleichbar. Im Auftrag der Göttin zogen sie durch die alte Welt, um zu schützen die Luft, das Wasser, die Erde und das Feuer. Ihre Körper bedeckten Schuppen und diese leuchteten so hell wie das hellste Sonnenlicht oder so finster wie der tiefste Schatten. Ihre Größe reichte an den höchsten Baum, auf ihrem Kopf saßen zwei Hörner und ihre Kraft war so mächtig wie das Feuer der Erschaffung, während ihre goldenen Augen ihren stolzen Charakter zeigten. Die Wächter waren die schönsten und gefährlichsten Geschöpfe, aber die Welt sollte nicht ihnen alleine gehören. Schließlich erweckte die Schöpferin die Seelen der Iyana zum Leben und schickte sie nach Zanthera, damit diese sie vollenden würden. Lange Zeit blieb es ruhig und friedlich. All ihre Geschöpfe wuchsen und gediehen und lebten Seite an Seite. Die Seelen vermehrten sich und erfüllten das Herz ihrer Schöpferin mit Stolz. Besonders eine Seele erregte die Aufmerksamkeit der großen Göttin. Sie hatte etwas an sich, das sich mit keinem Wort in irgendeiner Sprache beschreiben ließ. Viele Male stieg die Göttin zu dieser besonderen Seele herab und viele Male erfreute sie sich an seiner Gesellschaft. Schließlich wurde aus der Leidenschaft ihrer Liebe ein Kind geboren. Sein Haar war rot wie Blut und seine Augen hatten die Farbe des Goldes, es war ein Sohn und sie gaben ihm den Namen Zevenaar.

Die Göttin war voller Stolz in ihrem Herzen und ihr Sohn durfte auf der Welt wandeln, wie er wollte. Doch je älter er wurde, desto feuriger ward sein Wesen und auch umso unbeherrschter. Er liebte seine Mutter innig, doch sie erwiderte diese Gefühle nicht, denn sie hatte ihre ganze Liebe ihrer Schöpfung gegeben. In all seiner Wut stürzte sich Zevenaar in das Feuer der Erde, um dort in den glühenden Tiefen das Gefühl zu finden, das ihm seine Mutter nicht gab: die Liebe. Doch auch hier wurde er nicht fündig. Als er aus dem rot glühenden Blut von Zanthera auftauchte, da war sein Herz ebenso glühend vor Hass, wie das Feuer. Sie hatte ihm ihre Liebe verwehrt und dafür wendete er sich von ihr ab. Aus der Magie des Feuers und der Erde erzwang er ein Schwert, so mächtig und kraftvoll, das nur ein Gott es wahrhaftig zu führen vermochte. Zevenaar erschuf Ynsanter - das Schwert des Feuers - die Seele all seines Seins. Mit dieser Waffe trat er noch einmal seiner Mutter gegenüber, doch diesmal verlangte er einen Teil ihrer Schöpfung, als Ersatz für die verweigerte Herzenswärme. Die Göttin war verwirrt, sie verstand die Wandlung ihres Sohnes nicht, noch verstand sie sein Handeln, war doch ihre Schöpfung für alle da. Voller Verbitterung auf seine Mutter und dennoch voller Zuneigung zu ihr, hielt Zevenaar sein Schwert zurück. Er stürzte sich stattdessen auf ihre Schöpfung, auf Zanthera und schlug zu. Ynsanter spaltete die Erde und ein gigantischer Riss tat sich auf. Zevenaar belegte das Land daraufhin mit einem Fluch, damit sich der Spalt nicht eher schließen möge, bis seine Mutter ihn mit der gleichen Liebe umgab, wie sie es auch für ihre Schöpfung tat. Dieser Spalt, der aus Liebe und Hass geboren wurde, wird von allen Lebewesen seither auch Zevenaar, der Feuerspalt genannt. Der Göttersohn ließ Ynsanter zurück auf Erden und zog sich in die tiefsten Tiefen des Feuers von Zanthera zurück und wartet seitdem vergebens auf die Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes. Doch etwas anderes tat sich auf der Welt. Die alten Wächter der Vergangenheit zogen sich zurück und die Seelen der Iyana wandelten weiterhin umher, bevölkerten das Land unter ihren Füßen. Sie erfreuten sich an der Schönheit, die ihnen geschenkt wurde. Sie liebten die grünen, weiten Felder, die endlosen Wälder und ein jedes Tier war ihr Freund.

Doch mit einem Mal kamen Fremde über das große Meer Ionnaá - die blauen Tiefen - und setzen ihre Füße auf die fruchtbare Erde des alten Volkes. Sie waren anders als die Iyana, vollkommen verschiedenartig. So beschloss das Volk der Göttin diese Neuankömmlinge in ihrer Heimat willkommen zu heißen, zum einen aus Neugier und um gleichzeitig die Göttin nicht zu erzürnen, die diese neue Rasse der Welt geschenkt hatte. Doch die Fremden, seither als Menschen bekannt, von der Göttin aus einem entfernten Land gesandt, waren nicht gekommen um Freundschaft zu schließen, sie kamen um zu erobern und das Land ihr Eigen zu nennen. Ohne Rücksicht und Gewissen griffen sie die friedlichen Iyana an und töteten viele von ihnen. Ängstlich flohen die Überlebenden in die Wälder im Norden und manche in die Tiefen der Berge, zu den feurigen Klüften des Südens. Doch die Menschen ließen sich davon nicht aufhalten und folgten jenen Wesen, die sie für schwächlich hielten. In ihrer Verzweiflung riefen die Iyana ihre Göttin um Hilfe. Doch sie sagte ihnen, dass sie sich zurückziehen sollten, da sie glaubte, die Menschen würden ihren Fehler einsehen. Aber auch hier irrte sich die Göttin. Unbeirrbar und beharrlich machten die Eindringlinge Jagd auf das Volk der Iyana. Jene, die sich in den Tiefen der Welt verbargen erinnerten sich jedoch an Zevenaar. In all ihrer Hoffnungslosigkeit riefen sie den mächtigen Herrn des Feuers um Hilfe. Aufgeweckt durch ihr Rufen kam der Sohn der Göttin aus den Untiefen der Welt und sah auf die jämmerlichen Iyana herab, die ihn gerufen hatten. Erst wollte er ihrem kläglichen Leben ein Ende bereiten, doch als ihm eine der Frauen – Lakisha - ewige Treue gelobte, da änderte sich seine Meinung. Er versprach den Iyana, dass sie ihre Welt zurück erhalten würden wenn sie seinem Weg folgten. Mit einem Kuss des Feuers gab er den Wesen der Göttin seine innere Kraft, die sie brauchten. Er brachte ihre Seelen zum brennen und erfüllte sie mit seiner Stärke und Macht. Zevenaar schenkte ihnen die Kräfte des Feuers und der Erde. Seither nannten sich die Überlebenden in den Bergen Raukarii. Sie ließen ihr früheres Leben hinter sich und wurden zu jenen Wesen vor denen sich die Menschen in Zukunft fürchten mussten, mit Haaren so rot wie das Feuer und Augen in der Farbe des glühenden Bernsteins. Tödlich und machtvoll wurden sie die Kinder des Gottes. Zevenaar nahm sich Lakisha - jene Frau, die ihm als erste die Treue geschworen hatte - zu seiner Gemahlin und gab ihr all das Wissen und die Kraft, um die Raukarii zu lehren und zu führen. Diese Welt sollte ihm und seinem Volk Eigentum werden, das war Zevenaars Wille. So begann der ewige Krieg der Raukarii gegen die Menschen.

Die überlebenden Iyana in den nördlichen Wäldern der Welt verbargen sich hinter dem höchsten Gebirge, Brin-Krian genannt. Ein Tor von gewaltiger Größe zeigt bis heute den Eingang nach Ianara, das Heim der letzten lebenden Geschöpfe der großen Göttin. Verborgen hinter dichten Bäumen und Zweigen verstecken sie sich seit damals dort und vermeiden den Umgang mit den Menschen und den Raukarii. Das Brin-Krian, auch die Geisterberge genannt, soll seit jeher von all den gefallenen Iyana bevölkert sein und sie halten die Tyrannen, die einst über die blauen Tiefen in ihr Land eingedrungen waren, zurück. So leben sie dort in Ruhe und Frieden und beten stets zu der großen Göttin, dass sich eines Tages Zanthera wandeln würde, damit das Land wieder frei sei. Die Iyana, die dort in prächtigen Städten und Siedlungen zu Hause sind, werden von den Menschen und Raukarii gleichermaßen einfach nur Feen genannt. Ihre Erscheinung gleicht in ihren Augen dem eines göttlichen Engels. Langes Haar, in schwarz und braun fällt ihnen über den Rücken, die Augen leuchten blau, grün oder violett und ihre Gestalt ist groß und schlank. Ein Volk, das im Einklang mit der Natur lebt.

Doch was die Raukarii und die Iyana vereint sind die tief verwurzelten Äste und Zweige ihres Seins, dem Baum des Lebens. Lange spitz zulaufende Ohren und eine außergewöhnlich starke Unbeugsamkeit, sowie ein Tausende Jahre währendes Leben zeichnen sie als willensstarke Geschöpfe Zantheras aus.

Seit jener Zeit leben die drei Völker getrennt voneinander. Die Raukarii, von den Feinden auch Düsteralben genannt, bewohnen den Süden hinter dem Feuerspalt, im Land Leven’rauka. Die Menschen in der Mitte des Festlandes, von seinen Bewohnern auch Teriman getauft, von wo aus sie versuchen sich immer weiter auszubreiten. Die Iyana leben im Norden hinter dem Brin-Krian, in den tiefen Wäldern von Ianara. Doch es wird eine Zeit kommen in der diese Grenzen nicht mehr gültig sein werden, denn ein neuer Krieg bedroht die Welt. Der letzte großer Anführer der Raukarii, Zakar genannt, ist vor vielen Jahrhunderten gegangen und hat das Schwert Ynsanter, das Zeichen der göttlichen Herrschaft auf Erden mit sich genommen. In der Hoffnung, dass nur der Stärkste seiner Art das Schwert an sich nehmen würde. Das Volk der Raukarii ist seither auf der Suche nach dem Schwert ihres Gottes und wenn sie es finden, dann wird ein neuer Krieg über die Welt hereinbrechen, einer der ihr Antlitz für immer verändern kann.



Neferrilion – Herr des Turms



© Annette Eickert

Montag, 6. Juni 2011

Die ersten Infos zu meinem neuen Fantasyroman: Ynsanter - Pfade des Feuers

Heute präsentiere ich euch den Klappentext meines neuen Buches "Ynsanter - Pfade des Feuers"


Zanthera – Eine Welt der Mysterien – die Welt der Raukarii, Iyana, Menschen und Drachen.

Zwanzig Jahre nach ihrer Verbannung taucht Tallex – die verstoßene Tochter des Hohepriesters – wieder auf und sinnt nach Rache. Sie schart Verbündete um sich, darunter auch den mächtigen Nekromantenzirkel, um das gesamte Land ins Chaos zu stürzen, aber vor allem will sie den Klerus auslöschen. Denn niemand anderer als ihr Vater ist ihr ein Dorn im Auge, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen: das Götterschwert Ynsanter. Mit diesem absoluten Machtsymbol könnte sie über das ganze Volk herrschen und es nach ihrem Willen formen. Doch der Feuergott Zevenaar lässt sich von einer Sterblichen nicht vom Thron stoßen. Er benötigt das verschollene Götterschwert, um seine alte Kraft zurückzugewinnen. Daher schickt er eine kleine Gruppe Krieger auf eine gefährliche Reise. Sie sollen für ihn das tun, was er nicht vermag. Aber dem Vorhaben stehen viele Hürden im Weg. Als plötzlich auch noch die verschwundene Enkeltochter des Hohepriesters auftaucht, nimmt das Schicksal eine unerwartete Wendung.

Eine fantastische Reise für Jung und Alt, über wahrhaften Glauben, Liebe, Mut und Intrigen.


Ich hoffe, euch gefällt es genauso wie mir :-) 
Über eure Meinungen würde ich mich natürlich sehr freuen.
Sobald es mehr Infos gibt, werde ich sie posten.

Samstag, 18. Dezember 2010

Gewinner meines Weihnachtsgewinnspiels



Es ist soweit, die Gewinner meines Weihnachtsgewinnspiels stehen fest!

1. Platz - Sandra Friedrich.
2. Platz - Julia Schepers
3. Platz - Sarah Fenger

Die Gewinner sind bereits per Email von mir benachrichtigt worden.

Die Antworten zu den Gewinnfragen lauteten wie folgt:


Zanthera – Eine Welt voller Mysterien!

  1. Wie lautet der Name des Feuergottes?   Zevenaar
  2. Welches Volk lebt in Leven’rauka?   Raukarii
  3. In welcher Stadt sind die Zwillingsbrüder Ronor und Nomarac Laedal geboren?   Mayonta
  4. Wie heißt das Volk, welches im großen Wald von Ianara lebt?   Iyana
  5. Wie wird das Brin-Krian Gebirge im Volksmund genannt?   Geistergebirge
  6. Der Name des Menschenlandes lautet?   Teriman

Ich bedanke mich bei allen Teilnehmern (Teilnahmerzahl 107) und wünsche euch allen noch eine schöne Adventszeit, Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2011!

(Link zum Weihnachtsgewinnspiel)
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Donnerstag, 5. August 2010

Das große "Fantasy-Lexikon"

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Für jeden Fantasyfan gibt es etwas Neues ... oder vielleicht kennt ihr es auch schon ...
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Das "Fantasy-Lexikon" vom Piper-Verlag
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Sogar meine Raukarii und Iyana sind dort schon vertreten :-)
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Dienstag, 3. August 2010

Mein neuer Fantasyroman "Pech und Schwefel" ist im 10. Juli 2010 erschienen

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Es ist jetzt ganz offiziell ... mein dritter Fantasyroman "Pech und Schwefel" ist im Noel-Verlag erschienen.
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ISBN-Nr. 9783940209542
Taschenbuch: 249 Seiten (inkl. Karte und Glossar)

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Inhaltsangabe:
Das Chaos herrscht in den Straßen von Mayonta. In einer einzigen Nacht verlieren die Zwillingsbrüder des Hohepriesters Ronor und Nomarac ihre Eltern, ihr Zuhause und ihre Identität. Von diesem Moment müssen sie sich verängstigt, hungrig und alleine durchs Leben schlagen. Dabei landen beide mitten in einen Sumpf aus Feindschaft und Machenschaften. Aber eine gute Seele - die Prostituierte Liehshy - kennt ihr Geheimnis und hilft ihnen ihr neues Leben zu akzeptieren. Doch nach Jahren lauert die Gefahr immer noch im Verborgenen, bis sie ihre Maske fallen lässt und die Zwillinge auf eine harte Probe stellt. Sie lernen was wahre Freundschaft, Liebe und Mut wirklich bedeuten.
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Das Buch ist bei Amazon.de und auch im Shop des Noel-Verlages erhältlich ... aber auch in jeder Buchhandlung!
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Montag, 2. August 2010

Ynsanter - Seele des Feuers (Buchvorstellung)

Diese Buchvorstellung wurde am 25. November 2009 auf der Website "Ophelias Unfugfabrik" veröffentlicht



Der erste Band erzählt den dramatischen Anfang einer hoffnungsvollen Suche nach dem Götterschwert Ynsanter, das am Ende den Frieden über die Welt Zanthera bringen soll. Hierbei spielt der Iyanakrieger Ataran eine wichtige Rolle, der in die Hände seiner erbitterten Feinde fällt, den Raukarii. Er verliebt sich in eine Raukarii und aus dieser Liebe wird ihr Sohn, der Halb – Raukarii Norion, geboren. Doch durch ein tragisches Unglück wächst der Junge schließlich als Sklave unter der Herrschaft der Feinde auf, bis die Zeit zum Handeln kommt. Zwei geheimnisvolle Zwillingsbrüder tauchen in Norions finsterster Stunde auf und stoßen auf eine Frage, die sich nicht mehr loslässt. Mit Hilfe des mächtigen Gottes Zevenaar, uralten Drachen und glaubensstarken Kriegern beginnt plötzlich ein Abenteuer über wahrhaften Glauben, Mut, Liebe und Intrigen.
Vor einiger Zeit bekam ich zwei Rezensionsexemplare von Annette Eickert zugesandt, die ich bei Twitter kennengelernt habe. Es handelte sich hierbei um Band 1 und 2 der „Ynsanter“ – Sage. Einem geheimnisvollen Schwert, dass in der Welt von Zanthera den Herrscher bestimmt und vor vielen Jahrhunderten auf geheimnisvolle Weise verschwand. Zwei Völker, durch die Schöpfung der großen Göttern und ihres Sohnes Zevenaar, gespalten sind auf der Suche nach diesem Schwert. Die einen, weil sie die Macht und Herrschaft von Zanthera übernehmen wollen und die anderen, weil sie die beiden Völker wieder einen wollen.
Der erste Band des Buches, den ich nun auch endlich beendet habe, bereitete mir Schwierigkeiten es aus der Hand zu legen. Meistens schaffte es nur die Müdigkeit und das mag schon etwas heißen, da ich schon seit langer Zeit keine Highfantasy – Bücher mehr gelesen habe und selten so gefesselt war. Wisst ihr, viele Dinge wiederholen sich im Fantasy – Genre und ich habe schon einiges gelesen. Nach einer Weile werden viele Geschichten langweilig. Nicht so „Ynsanter“. Für mich bringt die Geschichte einen sehr frischen Wind auf den Büchermarkt. Die Iyanara und die Raukarii erinnern mich zwar etwas an die Elben und Dunkelelben, aber auch das ist einfach kein Vergleich. Dafür sind die Völker einfach viel zu verschieden. Eickert hat eine Schöpfung erschaffen, die unglaublich ist. Zwei neue Rassen bevölkern die Welt des Fantasy – Genres, wie sie noch nie da gewesen waren. Eickert verfügt ein großes Können und ein hohes Maß an Kreativität und dafür hat sie meinen Respekt durchaus verdient.
Die einzelnen Charakter selbst sind so einzigartig und noch nie da gewesen. Die Charaktere, die Welt und die Schöpfung sind genau mit den richtigen Details versehen, so dass die Geschichte und das Aussehen noch  genügend Vorstellungsraum für den Leser übrig lässt.
Mein Lieblingscharakter, den ich seit seinem ersten Auftritt ins Herz geschlossen hat ist weder Ataran noch Norion, sondern Ronor Laedal von den Zwillingsbrüdern. Er besitzt gute Eigenschaften und verkörpert meiner Meinung nach die Perfektion eines gesunden Egoismus und einem hohen Maß an Hilfsbereitschaft, die er besonders Norion zu Teil kommen lässt.
„Ynsanter“ ist definitiv lesenswert und ist besonders gut geeignet für Leser, die offen für Neues sind und gerne in neue, noch unbekannte Welten eintauchen.
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Leseprobe "Pech und Schwefel"

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„Sieh mal Weecran!“, ertönte wie aus dem Nichts eine laute Stimme, die sich den Brüdern langsam näherte.
Schlagartig öffnete Nomarac die Augen, fühlte sein Herz vor Angst schneller schlagen und bemerkte sofort die bebenden Glieder von Ronor, der neben ihm aufmerksam lauschte.
„Ja, dort drüben“, antwortete ein zweiter Unbekannter mit heiser-nem Unterton.
Nomarac und Ronor blieb keine Zeit mehr, sich unter den Zweigen in Sicherheit zu bringen, da tauchten vor ihnen schon drei junge Raukariimänner auf. Sie trugen nicht die Uniformen der Stadtwache, sondern ihr äußerliches Erscheinungsbild war den zwei Kindern völlig fremd. Der erste besaß lange schmierige Haare, die ein verschmutztes Gesicht umrahmten und der sie mit einem merkwürdigen Lächeln beobachtete. Seine Kleidung war erbärmlich, denn außer einer löchrigen Hose und einer ziemlich seltsamen Weste trug er ansonsten nichts mehr, außer einem Gürtel. In diesem steckte etwas, dass einer verrosteten Speerspitze entsprach. Die anderen zwei sahen nicht wirklich anders aus, wobei dem Kleinsten die rechte Hand fehlte. Der Armstumpf war mit einer dreckigen Binde abgebunden. Er fixierte vor allem Ronor mit einem stechenden Blick.
„Wer seit ihr?“, fragte der Raukarii ohne Hand und kam einen Schritt näher.
Die Zwillinge zuckten leicht zusammen, doch dann rissen sie sich zusammen und richteten sich kniend auf. Die Hand des einen umklammerte die Hand des anderen. Dabei bemerkten sie nicht, wie sehr ihre Kleidung inzwischen der der drei Fremden ähnelte. Ihre einst weißen Seidenhemden waren grau und von kalter Asche verschmiert, sie wiesen einige Risse auf. Die ehemals dunkelblauen Tuniken, welche ihre Mutter mit viel Liebe für sie genäht hatte, waren ebenfalls schmutzig und die teilweise aufgerissenen Säume kündeten von den schrecklichen Stunden des Aufstandes. Ihre schwarzen Hosen hatten überall Flecken, während ihre braunen Gesichter mit Ruß verdreckt und die roten schulterlangen Haare völlig strubbelig herunter hingen.
„Die wollten bestimmt die besten Stücke für sich behalten, Weecran“, sagte der Kleinere ohne Hand und sah den Angesprochenen mit funkelnden Augen an.
„Davon bin ich nicht ganz überzeugt, Yovmor“, entgegnete dieser und kam einen Schritt näher, während die Brüder einige Zentimeter nach hinten ins Gestrüpp auswichen.
„Ihr braucht doch keine Angst zu haben, außer ihr wollt unsere Beute wirklich stehlen“, lachte Weecran laut.
„Ich glaube eher, die sind neu in der Stadt“, meldete sich nun der Dritte zu Wort, der bisher einfach nur dagestanden und zugeschaut hatte. Sein Name lautete Nysayor und er und seine Kameraden gehörten einer kleinen Diebesbande von Mayonta an, die den klangvollen Namen „Jäger der Nacht“ trugen. Sie hatten den gestrigen Tag unruhig in ihrem Versteck abgewartet und sich erst am Morgen ins Freie geschlichen, um aus den vielen Ruinen der eingestürzten Häuser Beute zu ergattern, um sie später für gute Edelsteine an andere verkaufen zu können. Als sie vor einer Stunde heimlich die Stadtwachen belauscht und erfahren hatten, dass auch das Haus des Hohepriesters in Schutt und Asche lag, waren sie sofort hierher aufgebrochen.
„Wo kommt ihr also her?“, wollte nun Weecran wissen und ließ seine Hand beiläufig an die verrostete Speerspitze wandern, um seinen Worten mehr Nachdruck und seiner Position, als Anführer der kleinen Diebesbande, mehr Autorität zu verleihen.
Ronor zitterte noch immer, aber die Nähe von Nomarac gab ihm den nötigen Mut und Schutz, den er zurzeit dringend benötigte. Nomarac wiederum überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. Die Gefahr war groß und weil er erst vor kurzem von seinem Vater gesagt bekommen hatte, er sollte Fremden niemals trauen, entschied er sich kurzerhand für eine Lüge.
„Wir kommen aus Surnlor“, bedeutete Nomarac und legte all seine Überzeugskraft in diese Erklärung.
Doch kaum waren sie ausgesprochen, zupfte ihn Ronor am Ärmel, beugte sich nach vorne und flüsterte ihm ins Ohr. „Mama sagt doch immer, wir dürfen nicht lügen.“
Eilig lehnte sich nun Nomarac zu seinem Bruder hinüber und murmelte für die anderen unverständlich: „Ich weiß, aber wir dürfen ihnen auch nicht sagen, wer wir wirklich sind. Verstehst du?“
Das leuchtete Ronor ein und überließ seinem Zwillingsbruder das Reden.
„Surnlor ist zwei Tagesmärsche von hier entfernt“, grübelte Weecran nach und erhielt ein bestätigendes Nicken von Yovmor und Nysayor. „Was macht ihr aber dann in Mayonta?“
„Das geht dich nichts an“, rief Nomarac lauter als beabsichtigt und spürte eine nie gekannte Wut in sich aufsteigen.
„Schon gut“, meinte Weecran und hob beide Hände in einer versöhnlichen Geste. „Aber damit eines klar ist, die Beute gehört uns!“
Kurz darauf wandten sich alle drei jungen Männer von den Zwil-lingen ab und stapften durch die Geröll- und Aschehaufen davon. In ihrem Versteck blieben die Brüder alleine und starrten mit gemisch-ten Gefühlen hinterher.
„Und was machen wir jetzt? Wie bist du überhaupt auf Surnlor gekommen?“, fragte Ronor neugierig und sah über seine Schultern zu den Raukarii, die in den Ruinen herumwühlten.
„Erst vor einer Woche hat Papa von dem Dorf gesprochen und es ist immer besser, wenn wir nicht sagen, wo wir herkommen“, erklärte Nomarac. „Wir sagen es nur, wenn es nötig wird.“
„Ich habe Durst“, wechselte Ronor das Thema und dabei knurrte sein Magen.
„Komm, wir gehen in die Stadt und fragen, ob uns jemand etwas gibt“, antwortete Nomarac zuversichtlich, obwohl er innerlich nicht wirklich daran glaubte. Doch auf einen Versuch käme es immerhin an, wobei er selbst nicht wusste, was sie tun sollten. Ihre Eltern waren tot, sie konnten niemandem trauen und in der Nähe der Diebe sollten sie auch nicht bleiben.
Daher half er Ronor beim Aufstehen, der auf schwachen Beinen hinter dem Holunderbusch zum Vorschein kam. Die Raukarii ignorierten sie geflissentlich und so liefen die Zwillingsbrüder vorsichtig durch ihr zerstörtes Zuhause und erreichten die Pflasterstraße, die sie ins Stadtinnere führen würde. Als sie mitten auf der Straße standen, war dort weit und breit niemand zu sehen, außer den Häusern ihrer Nachbarn, die mittlerweile ebenfalls nichts weiter als verkohlte Überreste waren.
„Das ist unheimlich“, flüsterte Ronor und umklammerte die Hand von Nomarac nur umso fester, der es ihm gleichtat.

Gemeinsam liefen sie die verlassene Straße entlang. Die Sonne schien auf ihre Köpfe und wärmte sie an diesem trostlosen Herbstmittag, die Vögel zwitscherten eine traurige Melodie und die Ge-sichter der beiden sprachen von ihrem inneren Leid.
Nach einer halben Stunde erreichten Nomarac und Ronor die ersten Häuser des Stadtzentrums. Hier herrschte immer noch das wahre Chaos. Viele Bürger, die am gestrigen Tag heil mit ihrem Leben davon gekommen waren, darunter auch viele Soldaten, eilten mit schnellen Schritten hin und her. Fast jedes Gebäude besaß eingeschlagene Fenster, eingetretene Türen und einige davon wiesen Brandspuren auf. Zudem hatten heute viele Geschäfte geschlossen, während die Besitzer lauthals vor der Ladentür ihr Leid klagten und die Stadtwachen sie zu beruhigen versuchten. Auch schreiende Kinder liefen umher und riefen nach ihren Eltern oder die Mütter hielten sie an den Händen und mischten sich unter die herumwuselnde Raukariimenge.
„Ich glaube, hier werden wir kein Glück haben“, sagte Nomarac laut zu Ronor und versuchte damit den Straßenlärm um sie herum zu übertönen.
„Wir könnten doch zum Tempel gehen“, schlug Ronor lächelnd vor und hoffte, dort nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Zevenaarpriester anzutreffen, die sie kannten und die ihnen ganz sicherlich helfen konnten.
Nomarac nickte und schon liefen sie die Straße weiter, immer tiefer ins Zentrum hinein. Vorbei an dem großen Stadtpark von Mayonta. An diesem Ort, wo tagtäglich viele Familien ihre Zeit verbracht hatten, herrschte in der Mittagssonne nur gähnende Leere. Die Spazierwege lagen verlassen da. Aber die farbenfrohen Blumen blühten und ein leichter Wind blies ihre angenehmen Düfte zu den Zwillingen hinüber, und vertrieb für einige Momente ihre niedergedrückte Stimmung. In einiger Entfernung hörten sie auch das Wasser des großen Springbrunnens plätschern und das Geräusch brachte ihnen ein wenig Realität zurück, die ihnen Mut verlieh, den sie benötigten. Denn nun waren sie alleine auf der Welt und konnten nur erahnen, wo ihre verstorbenen Eltern hingebracht worden waren.
Als sie den Stadtpark hinter sich gelassen und zwei kleine Straßenkreuzungen überquert hatten, erreichten beide endlich ihr Ziel. Vor ihnen erstreckte sich groß und prachtvoll der Zevenaartempel in den blauen Himmel. Eines der vielen Gotteshäuser des Feuergottes in Leven’rauka. Er maß in Länge und Breite hundert Meter und bestand völlig aus schwarzem Marmor. An den oberen Mauervorsprüngen reckten sich kleine Zinnen hinauf und an den vier Ecken gab es jeweils einen Wachturm. Gleichzeitig war die Außenfassade von goldenen Ornamenten geschmückt, die fast ausschließlich das verschollene Götterschwert Ynsanter präsentierten, welches eines der göttlichen Symbole ihres Glaubens darstellte. Das alles machte den Tempel schon glanzvoll genug, der in der Bauweise seinem großen Vorbild in der Hauptstadt Zyrakar ähnelte. Ringsherum waren meterhohe glasklare Kristallfenster eingelassen, die am Tag das Sonnenlicht und in der Nacht das silbrigweiße Mondlicht ins Innere hinein ließen und alles in ein sanftes Glühen einhüllten.
Die Zwillinge gingen geradewegs auf die nicht minder große Doppelflügeltür aus Gold zu, die weit offen stand und jedem den Blick ins Innere zeigte. Zu beiden Seiten standen jeweils fünf bewaffnete Wachen, die streng ihren Blick über die Raukarii schweifen ließen, welche an ihnen vorbei strömten.
Die Brüder versuchten sich nicht beirren zu lassen und machten sich zum Tempeleingang auf. Kaum dort angekommen, versperrte ihnen plötzlich eine Stadtwache den Weg und funkelte sie verächtlich an.
„Haut ab!“, sagte der Raukarii, der gleichzeitig Hauptmann der kleinen Soldatengruppe war.
„Wir brauchen Hilfe“, entgegnete Nomarac flehentlich und Ronor setzte hinzu: „Wir wollen unsere Eltern sehen.“
„Was ihr wollt oder nicht, interessiert mich nicht“, antwortete die Wache stur und knurrte ungehalten. „Zwei dreckige Straßenkinder haben kein Recht in den Tempel zu treten. Wisst ihr nicht, was passiert ist?“
„Doch, das wissen wir sehr wohl“, meinte Ronor, der durch den Schutz seines Bruders ein wenig lauter sprach. Er wollte unbedingt seine Eltern sehen, auch wenn sie nicht mehr lebten und daran durf-te sie niemanden hindern. „Unsere Mutter hat uns versteckt, kurz bevor die Männer kamen und unser Haus in Brand steckten. Wir sind nämlich Josias und Seyldia Anthyrs Söhne.“
Kaum hatte Ronor geendet und Nomarac ihm zufrieden auf die Schulter geklopft, denn besser hätte er es auch nicht sagen können, brachen die Stadtwachen in schallendes Gelächter aus.
Irritiert und wütend blickten die Zwillinge die Männer an.
„Lasst euch eine andere Ausrede einfallen, ihr dreckigen Diebe“, erklärte ein anderer Soldat und gesellte sich zu seinen Kameraden. „Mittlerweile haben schon sechs stinkende Ratten vor euch diese Erklärung abgeliefert und ihr glaubt, ihr würdet damit Erfolg haben? Vergesst es und haut endlich ab, bevor wir richtig wütend werden.“
Der vorletzte Satz war zwar keine Frage, sondern eher eine Feststellung und dennoch ballte Ronor plötzlich die Hände zu Fäusten und rannte auf den Wachmann zu. Mit all seiner verbliebenen Kraft schlug er ihm in den Magen, doch die Lederrüstung schützte den Mann gut, während er lediglich ein zynisches Lächeln zur Schau trug, ohne sich zu wehren.
„Lügner!“, rief Nomarac und spurtete zu seinem Bruder.
Gemeinsam erhoben sie ihre Fäuste und schlugen zu, solange, bis zwei weitere Raukarii einen kurzen Augenblick später die Jungen an den Armen wegzerrten und sie dann schmerzhaft auf den Rücken bogen. Unter Tritten und Gekreische wollten sie sich losreißen, aber leider waren sie kleiner und weitaus kraftloser als die muskulösen Stadtwachen.
Nachdem sich diese Eskalation erst nach wenigen Minuten beruhigte und die Zwillinge sich weiter im festen Griff wanden, kam der Hauptmann der wachhabenden Männer auf sie zu, blieb vor ihnen stehen und fixierte sie mit finsterem Blick.
„Ihr zwei seid nichts weiteres als erbärmliche Straßenköter!“, schleuderte er Ronor und Nomarac entgegen, die ihn mit wutverzerrtem Gesicht beobachteten und sich unbedingt befreien wollten. „Habt ihr mir nicht zugehört? Hier gibt es keinen Einlass für verwahrloste Gören, wie euch. Außerdem sind die Kinder des Hohepriesters tot und gemeinsam mit unserem verstorbenen Oberhaupt von Mayonta im Tempel aufgebahrt. Also verschwindet von hier und lasst euch nicht mehr blicken.“
Auf Grund dieser Ungeheuerlichkeit wurde der Zorn der Zwillinge nur umso größer und Nomarac biss seinem Häscher in die Hand. Mit einem schmerzhaften Schrei ließ dieser los, aber schon war der nächste Raukarii zur Stelle und verpasste dem frechen Jungen eine Ohrfeige.
Auf der anderen Seite sah Ronor seinen Bruder und nahm sich ein Beispiel an ihm. Er drehte den Kopf nach rechts und wollte bereits die Zähne in die Finger rammen, da traf ihn ein Schlag auf die Schläfe. Leicht benommen und verwirrt ließ er von seinem Vorhaben ab und hörte durch einen dämmrigen Schleier nur Nomarac seinen Namen rufen. Als er darauf antworten wollte, folgte ein weiterer Schlag auf dieselbe Stelle, ihm wurde schwindlig und er fiel in Ohnmacht.

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Leseprobe "Ynsanter - Seele des Feuers" Band 2

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Kapitel 1
Geheime Pläne

„Ich grüße Euch, Odash“, erklang die melodische Stimme von Semesh Anthyr, während sie in den großen Raum eintrat.

Odash, der Feuerzauberer, saß im hinteren Teil seiner Bibliothek in einen tiefen Sessel versunken und sah beim Eintreten der Raukarii von seinem Buch auf. Als er die Sprecherin erkannte, begannen seine Augen zu glänzen und er zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.

Semesh lief zielstrebig auf den Magier zu, der am Ende einer langen Reihe von Regalen, über und über gefüllt mit Büchern, auf sie wartete. Der Duft von Papier und Tinte stieg ihr in die Nase, gleichzeitig hing der Geruch des Kaminfeuers in der Luft. Odashs Sessel stand ganz nah am Kamin und sie musste etliche Meter zurücklegen, um ihn zu erreichen.

Heute handelte es sich nicht um ihren ersten und vermutlich auch nicht um ihren letzten Besuch beim Feuerzauberer, der eine so wichtige Rolle in den Plänen von Semesh und Calenor eingenommen hatte.

Noch vor einer Stunde hatte sie sich erst von Nezzir Rawon und dem charismatischen jungen Krieger verabschiedet und badete jetzt in absoluter Selbstsicherheit, ohne bisher den Diebstahl ihres Ringes wahrgenommen zu haben. Schon bald würde der alte Sklavenhändler ihr in etwaigen Belangen in Zyrakar behilflich sein, ohne zu ahnen, dass er sie dabei einen Schritt näher in Richtung des Götterschwertes Ynsanter brachte; genauso wie der Besuch bei Odash ihr noch weitere Informationen für die Jagd nach dem Schwert liefern sollte, während Nezzir angeblich unwissend blieb. Der Sklavenhändler half ihr und Semesh hinterging ihn dafür. Über diese Ironie wäre sie beinahe in schallendes Gelächter ausgebrochen, aber sie riss sich zusammen. Bedeutungsvollere Dinge warteten nun auf sie und vor allem musste sie ein kluges Köpfchen bewahren, um keine Fehler zu machen.

Semesh lief durch die Bibliothek und liebte es jedes Mal aufs Neue, durch schier unermessliches und unbezahlbares Wissen zu schreiten. Viele Schriften stammten sogar aus der Zeit vor Zakars Herrschaft, aber auch aus der Gegenwart. Ferner wusste Semesh, dass sich irgendwo in diesem Raum auch die Quelle der absoluten Macht befand – eine uralte Schrift von Neferrilion, deren Existenz kaum jemand kannte. Bei diesem Gedanken huschte ein Lächeln über ihr bräunliches Gesicht und die bernsteinfarbenen Augen begannen gierig zu leuchten.

„Es ist mir eine Ehre, die Tochter des Hohepriesters von Zyrakar in meinem bescheidenen Heim willkommen zu heißen“, entgegnete Odash, als Semesh vor ihm zum Stehen kam, und dabei erhob er sich von seinem Platz. Er klappte sein Buch zu, das in schwarzes Schlangenleder eingebunden war, und legte es sorgsam auf einem kleinen Tisch neben dem Kamin ab.

„Nicht so förmlich, mein geschätzter Magier, ich bin einfach eine Raukarii und meine Herkunft soll hier nicht genannt werden, das sollte Euch bekannt sein“, entgegnete Semesh rasch und mit einer Spur Ärgernis in der Stimme. Keiner durfte erfahren, dass sie sich in der Stadt aufhielt und so sollte es auch bleiben. Dabei verschwand ihr Lächeln und sie setzte eine stahlharte Miene auf.

„Verzeiht mir, meine Verehrteste. Ich bin einfach froh, Euch zu sehen, denn es gibt wahrlich Neuigkeiten zu berichten, die ich erst vor kurzem entschlüsselt habe.“

Daraufhin verbeugte sich Odash elegant. Anschließend lud er die junge Raukarii mit einer Geste ein, ihm gegenüber in einem weiteren Sessel Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich wieder in den eigenen und zusammen warteten beide schweigend, bis ein Diener ihnen jeweils ein Glas Rotwein gebracht hatte.

Odash war schon über tausend Jahre alt und ein Magier, der sich hauptsächlich mit dem Element Feuer auskannte. Daher stammte auch sein Beiname – der Feuerzauberer – den fast jeder in ganz Leven’rauka kannte. Seine bereits ergrauten kurzen Haare leuchteten im Schein des Feuers weiß. Die Falten im Gesicht kündeten von seinem hohen Alter und er trug eine karmesinrote Samtrobe, die seinen schmalen Körper umhüllte, während seine Augen im Licht wie glühende Kohle aufglimmten.

In früheren Zeiten hatte er sich seinen Ruf ehrlich erworben und darauf war der Düsteralb stolz. Besonders geschickt stellte er magische Artefakte her, die jedem Raukarii nach einer kurzen Unterweisung dienlich sein konnten. Natürlich tat er dies nur gegen eine anständige, meist aber auch zu hohe Entlohnung.

Eine weitere Begabung zeichnete Odash aus, und das waren seine Kenntnisse der alten Sprachen und Abhandlungen von und über Zanthera. Ihn hatten schon immer Bücher und Schriften interessiert und so sammelte er alles, was seine Finger einst berührt hatten. Auf der Suche nach stets neuen Texten kam er viel im ganzen Land herum, bis ihn vor dreihundert Jahren seine Reiseleidenschaft nach Caress geführt hatte, und hier war er für den Rest seiner Tage sesshaft geworden. Von der Stadt der Priester aus unternahm Odash nur noch kleinere Ausflüge ins nähere Umland, um seine Sammlung auch bis heute noch zu erweitern. Doch aufgrund widersprüchlicher Andeutungen verschiedener Raukarii aus Caress hatte ihn sein letzter Ausflug vor über hundert Jahren in den Wald von Levenara geführt, wo er vor Ort selbst Nachforschungen angestellt hatte. Dort hatte er interessante Dinge herausgefunden.

Einst hatte an jenem Ort ein seltsamer Einsiedler namens Venarez gelebt, der darüber hinaus auch noch ein Zevenaarpriester gewesen war. Dieser hatte damals in einem abgeschiedenen Turm, fünfzig Kilometer westlich von der Stadt Mayonta, gewohnt. Hier hatte der Feuerzauberer einen Glücksgriff getan. Unter mysteriösen Umständen war ihm – wofür er selbstverständlich persönlich die Verantwortung trug – eine Schriftrolle in die Hände gefallen, die er so niemals gesehen und an deren Existenz er nie geglaubt hatte. Aber die Andeutungen hatten sich als wahr entpuppt, denn es handelte sich um einen Originaltext des Gelehrten Neferrilion. Ein Wahrheitszauber hatte ihm die Echtheit des Fundes bestätigt, der fast zweitausend Jahre unbeschadet überstanden hatte. Dann hatte er rasch den Turm und dessen Bewohner vergessen und kurzerhand die kostbare Schrift gestohlen. Damit war er nach Caress zurückgekehrt und hatte nur ein Jahr später erfahren, dass dieser Venarez ebenfalls von der Bildfläche verschwunden und niemals wieder irgendwo aufgetaucht war.

Seither studierte Odash den Inhalt des ganz besonderen Textes und fand von Jahr zu Jahr interessante Dinge heraus. Natürlich hatte er schon früher Kapital aus seinem Wissen schlagen wollen, denn wer in der Stadt hätte so etwas nicht getan, besonders wenn das bedeutete, Profit und Vorteile zu erzielen. Das Glück kam schließlich ganz unverhofft vor drei Jahrzehnten in Form der Tochter des Hohepriesters von Zyrakar. Sie suchte seine Dienste, wobei sie ihre Beziehung zu Calenor Kurutamat geflissentlich verschwieg, während Odash ihr half, die Geheimnisse rundum Ynsanter zu lüften. Als dann knapp zehn Jahre später der Sklavenhändler Nezzir Rawon um die gleichen Informationen bat, verkaufte er sein Wissen gegen gutes Geld gleich an alle zwei. Das hielt auch weiterhin so an, die internen Intrigen der beiden Parteien gingen ihn nichts an. Aber in allererster Linie arbeitete er für sich und dann für Anarch Kurutamat und seine engsten Vertrauten. Dem reichsten und einflussreichsten Raukarii der Stadt war er treu ergeben und mischte auch gerne bei dessen Machenschaften tatkräftig mit.

Aber bei diesem heutigen Treffen vergaß er Caress, vergaß alle Düsteralben und ihre habgierigen Doppelspiele. Stattdessen konzentrierte sich der Raukarii auf seine Geschäftspartnerin und sein wohlverdientes Geld. Sie würde wieder eine Menge der besten Edelsteine in seine Taschen wandern lassen und nur wenige Tage später wäre Nezzir Rawon an ihrer Stelle.

Bei diesem Gedanken hätte Odash beinahe laut aufgelacht, denn er erfreute sich an seinem Spiel. Doch er konnte sich auch beherrschen und so schmunzelte er lediglich. Er wartete, bis sein Diener ihnen jeweils ein Glas Rotwein gereicht und dann die Tür zur Bibliothek hinter sich geschlossen hatte. Niemand sollte etwas von ihrem Gespräch mitbekommen.

„Odash, ich hoffe doch, dass Ihr Nezzir wie immer das Wichtigste von Euren neuen Erkenntnissen verschweigt?“, fragte Semesh besorgt und musterte ihr Gegenüber eingehend.

Der Magier war sich des Blickes bewusst und auch ihren Ärger kannte er nur zu gut. Natürlich würde er nichts verschweigen, aber er gab sich wie immer in ihrer Gegenwart unbekümmert und einzig und alleine der Tochter des Hohepriesters ergeben.

„Ihr könnt mir vertrauen, Verehrteste“, entgegnete er galant und lächelte. „Nezzir wird von mir nichts erfahren. Er kennt nur die Dinge, die Ihr zu diesem Zeitpunkt bereits wisst. Nicht mehr und auch nicht weniger.“

Semesh glaubte ihm nicht, aber blieb ihr eine andere Wahl? Sie brauchte Odash und hoffte inständig darauf, dass Calenor seine Arbeit als Spion bei dem Sklavenhändler wie immer gut machte und sie über seinen Fortgang informierte. Noch während sie darüber nachdachte, zog sie einen prallen Lederbeutel unter ihrem schwarzen Seidenkleid hervor.

„Diese Entlohnung soll mir Eure Verlässlichkeit einbringen“, lachte sie heimtückisch und trank anschließend einen Schluck Rotwein.

Odash konnte erahnen, dass sie sich unsicher fühlte, und das war in diesem Fall nicht förderlich für ihn. Die Raukarii wollte er als zahlende Kundin nicht verlieren, zugleich weidete er sich nur zu gerne an dem attraktiven Äußeren der Frau. So setzte er eine gekränkte Miene auf und schaute sie enttäuscht an.

„Ihr wisst, dass ich Euch treu ergeben bin und das wird auch so bleiben. Eure Edelsteine sind von hoher Qualität und machen mich zu einem reichen Mann. Nezzir besitzt nicht annähernd solch eine gute Ware und ihm gebe ich nur das, wofür er bezahlt. Seid versichert, das ist nicht viel.“

Bei diesen Worten beruhigte sich Semesh ein wenig. Vermutlich sprach der Feuerzauberer tatsächlich die Wahrheit und sie versuchte ihm zu trauen. Immerhin blieb der alte Sklavenhändler laut Calenor immer einen Schritt hinter ihnen und das würde hoffentlich auch so bleiben. Die mitgebrachten Edelsteine sicherten ihr vorläufig dieses angenehme Wissen.

„Dann lasst uns gleich zum Punkt kommen, welche Nachrichten habt Ihr für mich?“, fragte sie augenblicklich und ihre Neugier spiegelte sich in ihren Augen wider, die vor Vorfreude glänzten.

„Natürlich, kommen wir sofort zum Geschäft“, lächelte Odash höflich und wusste, sie zählte auf ihn. „Doch zuerst die Bezahlung, dann die Informationen.“

Die Tochter des Hohepriesters schnaubte ärgerlich. Nichtsdestoweniger tätigte der Magier diese Vorgehensweise immer und sie hoffte, das Geld lohnte sich am Ende auch wirklich. Sie nahm den Beutel voller Edelsteine und überreichte ihn dem alten Magier.

Gierig griffen seine dürren Hände danach und augenblicklich verschwand das Geld durch einen Zauber mitten im Nichts, wozu Odash lediglich einige unverständliche Worte sprach, die nur Magier verstanden. Der Geldbeutel landete daraufhin in seiner gut versteckten Schatzkammer, die durch eine Geheimtür direkt neben dem Kamin zu erreichen war und wo er sich selbst ein geheimes Labor eingerichtet hatte. Aber am meisten erfreute er sich an der Raukarii, die ihm geholfen hatte, diese Schatzkammer überhaupt erst zu füllen.

Odash griff anschließend nach dem Buch mit dem schwarzem Schlangenledereinband, das er zuvor auf dem kleinen Tisch am Kamin abgelegt hatte, und öffnete es an einer bestimmten Stelle. Er musterte das Geschriebene und seine Augen glühten geheimnisvoll auf. Dann räusperte er sich und blickte auf.

„Ich habe meine Neuigkeiten in diesem Buch niedergeschrieben, denn die kostbare Schriftrolle verwahre ich an einem geheimen Ort auf“, erklärte Odash ruhig, ohne etwas von seinen Gefühlen zu offenbaren. „Verzeiht mir, meine Liebe, aber dieses Geheimnis soll ja immerhin auch ein Geheimnis bleiben.“

Ein Mysterium, das ich mit Nezzir Rawon teile, dachte Semesh angewidert und biss sich auf die Lippen, um diese Worte nicht laut auszusprechen. Gierig griff sie schließlich nach dem Buch, starrte wie gebannt auf den Inhalt und las:

Geboren aus den Wirbeln der Zeit,
um zu bringen die Harmonie von Chaos und Ordnung
und zu dienen der Schöpfung immerfort.

Geboren aus dem Feuer der Liebe, das der Glaube hervorgebracht,
um zu erringen den Beistand und Zuneigung.
Doch verloren ist, was einst Hader schuf
und nun unbekannt der Ort.

Die Seele des Feuers ist erwacht.

„Einst geboren aus den Wirbeln der Zeit. Die Seele des Feuers ist erwacht“, wiederholte sie den Anfang und das Ende des Textes und richtete sich dann an Odash. „Was bedeutet das? Wird nicht in den Legenden Ynsanter als Seele des Feuers bezeichnet?“

Der Feuerzauberer kräuselte seine Lippen, tippte sich mit einem Zeigefinger gegen das Kinn und antwortete leise. „So ist es. Es heißt dort: �Zevenaar erschuf Ynsanter – das Schwert des Feuers – die Seele all seines Seins. Daher kann man auch sagen, Ynsanter ist die Seele des Feuers und dieser Text ist eine Prophezeiung.“

Semesh runzelte die Stirn. Eine Prophezeiung, sann sie nach. Das würde durchaus mit dem restlichen Inhalt der Schriftrolle übereinstimmen. Nicht nur, dass Zevenaar Zakar einst den Traum übermittelt hatte, sondern dass alles in Zusammenhang mit dieser neuen Botschaft stand. So las sie die Zeilen nochmals, aber irgendwie ergaben sie keinen Sinn und dann doch wieder. Kein Wunder, dass Zakar damals nicht weniger verwirrt darüber gedacht haben musste und vielleicht gerade deswegen seinen Gott missverstanden hatte. Aber diesen letzten Gedanken behielt sie geflissentlich für sich.

„Das ist nur ein Teil des Textes“, klärte Odash seine Geschäftspartnerin gleich daraufhin auf und fügte gedämpft hinzu. „Leider ist dies nur ein Teil des Inhalts. Der Rest ist zu meinem größten Bedauern auf einer anderen Schriftrolle niedergeschrieben worden.“

„Dann müsst Ihr die andere Schriftrolle finden“, entgegnete Semesh rasch und ahnte, dass der Magier womöglich etwas verschwieg oder zumindest sich etwas dazu überlegt hatte.

„Dazu muss ich Euch etwas erzählen“, bedeutete Odash. „Der Text ist kostbar und einmalig und nur widerwillig würde ich so etwas in den Händen eines anderen wissen, daher will ich nochmals zu diesem Turm im Wald von Levenara reisen. Ich hoffe, dort neue Erkenntnisse zu finden, um dem Rätsel sein Geheimnis zu entlocken.“

Odashs Stimme klang allerdings wenig zuversichtlich.

„Nun denn, dann tut es schnell und informiert mich augenblicklich, sobald Ihr neue Informationen besitzt“, meinte Semesh und klang beunruhigt. Gleichzeitig beschäftigte sie die Prophezeiung und sie hätte gerne deren genauere Bedeutung gewusst, denn ihre Neugier war geweckt. „Aber vielleicht würdet Ihr mir vorher sagen, Odash, steckt hinter den Silben eine ganz bestimmte Bedeutung?“ Mit dieser Wortwahl konnte sie geschickt ihre eigene Unwissenheit verbergen, wo sie doch immer so klug erschien.

„Es handelt sich um eine Aufzeichnung der Entstehungsgeschichte von Ynsanter. Ich gehe davon aus, dass im fehlenden Teil womöglich der Ort genannt wird, wo das Götterschwert zu finden ist.“

„Vermutungen, Odash, nichts als Vermutungen“, ärgerte sich die Raukarii plötzlich und ließ ihre geballte Faust auf die Lehne des Sessels krachen. „Ich will aber die Wahrheit wissen! Was interessiert mich die Entstehungsgeschichte. Ich benötige den Aufenthaltsort von Ynsanter.“ Aber trotz ihrer Wut gab sie dem Raukarii innerlich recht, denn der Inhalt der Schriftrolle über den Traum von Zakar und diese merkwürdige Prophezeiung gehörten zusammen. Daher fand sie es auch nicht ungewöhnlich, dass sich beides auf ein und demselben Pergament befand, wenn auch der Rest zum größten Bedauern fehlte.

„Wenn Ihr schon zum Turm reist, dann versucht auch weitere Schriftrollen des Neferrilion zu finden“, forderte sie den Magier auf. „Die Schriften sind kostbarer als vieles bisher und immerhin sind es Originale und keine billigen Abschriften wie in den Zevenaartempeln oder wie sie mein Vater besitzt, in denen nichts steht, was nicht schon längst alle wissen.“ Daraufhin lachte Semesh kurz auf, denn die Ironie gefiel ihr. Als sie sich wieder gefangen hatte, wandte sie sich erneut an den Magier. „Odash, wo es eine gibt, da befinden sich auch andere. Das kann sich ein kleines Kind zusammenreimen und ich möchte endlich das besitzen, was ich seit dreißig Jahren aus tiefstem Herzen begehre.“

Jetzt schnaubte Odash verächtlich und setzte zu einer Antwort an. „Meine verehrte Semesh, was ich damals in diesem Turm gefunden habe, das war reiner Zufall! Dieser Venarez war und – falls er heute noch leben sollte – ist ein komischer Kauz. Er erzählte mir, dass er früher einmal ein Zevenaarpriester gewesen war und als ich über ihn Nachforschungen betrieben habe, habe ich herausgefunden, dass niemand einen Kleriker mit diesem Namen kennt, niemand! Dass er auch noch solch eine kostbare Schriftrolle besaß, hat mich selbst zum Staunen gebracht. Wenn ich keinen Wahrheitszauber angewendet hätte, ich würde es bis heute nicht glauben.

Daher lautet die Frage wohl eher, wie ist er an diese Schriftrolle gekommen?“

Anschließend schwieg Odash, leerte zur Stärkung seines Gemüts das Glas Rotwein in einem Zug und stellte es auf dem Tisch neben dem Kamin ab.

Diese Worte überzeugten Semesh, denn aus diesem Blickwinkel hatte sie die ganze Sache noch nicht betrachtet. Die Raukarii entspannte sich daher ein wenig und tat es dem Magier gleich.

„Ich gebe Euch in dieser Hinsicht recht“, entgegnete sie und es klang schon fast wie eine Entschuldigung. Aber bei dem Feuerzauberer würde sie sich niemals demütig geben, denn er bekam immerhin eine hohe Summe kostbarster Edelsteine dafür, dass er ihr half.

Odash räusperte sich, beugte sich nach vorne und nahm seiner Geschäftspartnerin erst einmal sein Notizbuch aus der Hand. Dieses verschwand so plötzlich im Nichts wie kurz zuvor der Lederbeutel mit der Bezahlung. Dann setzte er von Neuem an, denn er hatte selbst noch etwas in petto.

„Aber vergesst kurzzeitig den Einsiedler Venarez und seinen Turm im Wald von Levenara. Wenn er tatsächlich weitere Schriftrollen von Neferrilion sein Eigen nennt, dann hat er die anderen Texte vermutlich nach meinem Diebstahl vorsorglich in Sicherheit gebracht. Daher könnte sich meine Suche in die Länge ziehen und meine Zauber helfen mir dabei nicht viel. Aber ich arbeite an einem neuen Spruch, der mir eine Stütze sein sollte …“

„Kommt auf den Punkt“, unterbrach ihn Semesh ungeduldig und lehnte sich in dem Sessel nach vorne. Das Licht des Kaminfeuers brachte ihre bernsteinfarbenen Augen zum Glühen und verliehen ihnen einen bösartigen Schimmer.

Odash ließ sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte ihr nur die einfachen Tatsachen erklärt, die ihn erst vor kurzem auf die nachfolgende Idee gebracht hatten. Nun war es an dem Magier sich nach vorne zu beugen. Anschließend flüsterte er ruhig und gelassen seinem Gegenüber zu: „Was ich damit sagen möchte, ist, dass es eine andere, weitaus bessere Vorgehensweise gibt, den Aufenthaltsort von Ynsanter zu finden. Eine, an die bisher niemand gedacht hat und zu der man nicht einmal die Schriften des Neferrilion benötigt.“

Semesh riss ihre Augen weit auf, ihre Augenbrauen zogen sich nach oben und mit einem fragenden Blick starrte sie den Feuerzauberer verdutzt an.

„Ja, meine Verehrteste, wenn man dies alles außer Acht lässt, dann dürft Ihr eines nicht vergessen, den Clan Varas aus Ianara.“

Daraufhin lächelte Odash hinterhältig, lehnte sich gemütlich in seinem Sessel zurück und wartete ab, wie die Raukarii auf seine Worte reagieren würde.

Semesh tat es ihm gleich und wusste im ersten Moment nicht, was sie darüber denken sollte. Aber vielleicht konnte sie es erahnen.

„Ihr meint vermutlich, weil der Clan Varas geholfen haben soll, das heilige Schwert an einem geheimen Ort zu verstecken?“, fragte sie unverblümt.

Odash nickte und sein Lächeln wurde breiter. „So ist es und habt Ihr mir nicht selbst einmal erzählt, dass Euer Schwager Ataran dem Clan Varas angehörte?“, kam die Frage nun an die Raukarii.

Semesh grinste plötzlich boshaft und entblößte ihre weißen Zähne. Denn des Rätsels Lösung lag klar auf der Hand. Wieso war sie nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen? Als sie sich des vollen Ausmaßes dieser Worte bewusst wurde, hätte sie beinahe vor Freude laut aufgeschrien. Die Nachricht von Atarans Tod war schon eine freudige Botschaft gewesen und nun brachte diese auch noch unermesslichen Reichtum mit sich. War es vielleicht Vorhersehung gewesen? Vermutlich nicht, aber Glück spielte womöglich eine große Rolle und innerlich gratulierte sie Nezzir Rawon zu dem tollen Schachzug, der ihr so unverhofft einen großen Dienst erwiesen hatte. Nicht nur das, denn die Worte von Odash beinhalteten auch einen grandiosen Plan. Niemals hätte sie dem alten Feuerzauberer eine solche Raffinesse zugetraut, aber sie hatte anfänglich auch nie daran geglaubt, dass sich eine so kostbare Schriftrolle in seinem Besitz befand.

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Leseprobe "Ynsanter - Seele des Feuers" Band 1

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Ynsanter – Seele des Feuers
Geboren aus den Wirbeln der Zeit,
um zu bringen die Harmonie von Chaos und Ordnung
und zu dienen der Schöpfung immerfort.

Geboren aus dem Feuer der Liebe,
das der Glaube hervorgebracht,
um zu erringen den Beistand und die Zuneigung.
Doch verloren ist, was einst Hader schuf,
und nun ist unbekannt der Ort.

Die Seele des Feuers ist erwacht.

Mächtige Geheimnisse führen durch Nebel und Dunkelheit,
getrieben in das Höllenreich des Augenblicks,
um zu lernen, was es heißt – Leben und Tod.

Die Seele des Feuers brennt.

Doch geformt muss werden, was die Unendlichkeit verlor,
denn das Ende ist der Anfang,
zu führen alle gemeinsam ins Reich der Einigkeit.

Das Schwert des Feuers lebt.


Die Vergangenheit


Es begann mit der Erschaffung Zantheras durch die große Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes, jene, die Anfang und Ende von allem ist, jedoch keinen Namen hat. Sie gab einen Teil ihres Wesens hin und formte daraus die Erde. Ihr Atem war die Luft und ihre Freudentränen waren das Wasser. Das Feuer ihrer Hingabe hielt alles zusammen. Schließlich gab sie ihrer Schöpfung den Namen Zanthera. Glücklich über ihr Werk betrachtete sie es eine Weile und bemerkte, dass etwas fehlte. So erschuf sie die Pflanzen und die Tiere, damit diese auf der Welt wandelten. Doch damit nicht genug, erweckte sie die Wächter der Vergangenheit zum Leben, Kreaturen von Größe und Macht und mit keinem anderen Lebewesen vergleichbar. Im Auftrag der Göttin zogen sie durch die alte Welt, um zu schützen die Luft, das Wasser, die Erde und das Feuer. Ihre Körper waren von Schuppen bedeckt, die leuchteten so hell wie das hellste Sonnenlicht oder waren so finster wie der tiefste Schatten. Ihre Größe reichte an den höchsten der Bäume heran, auf ihrem Kopf saßen zwei Hörner und ihre Kraft war so mächtig wie das Feuer der Erschaffung, während ihre goldenen Augen von ihrem stolzen Charakter zeugten. Die Wächter waren die schönsten und gefährlichsten Geschöpfe, aber die Welt sollte nicht ihnen alleine gehören. Schließlich erweckte die Schöpferin die Seelen der Iyana zum Leben und schickte sie nach Zanthera, damit die Erde von ihnen vollendet würden. Lange Zeit blieb es ruhig und friedlich. All ihre Geschöpfe wuchsen und gediehen und lebten Seite an Seite. Die Seelen vermehrten sich und erfüllten das Herz ihrer Schöpferin mit Stolz. Besonders eine Seele erregte die Aufmerksamkeit der großen Göttin. Sie hatte etwas an sich, das sich mit keinem Wort in keiner Sprache beschreiben ließ. Viele Male stieg die Göttin zu dieser besonderen Seele herab und viele Male erfreute sie sich an ihrer Gesellschaft. Schließlich wurde aus der Leidenschaft ihrer Liebe ein Kind geboren. Sein Haar war rot wie Blut und seine Augen hatten die Farbe des Goldes, es war ein Sohn und sie gaben ihm den Namen Zevenaar.

Das Herz der Göttin war voller Stolz und ihr Sohn durfte auf der Welt wandeln, wie er wollte. Doch je älter er wurde, desto feuriger ward sein Wesen – und umso unbeherrschter. Er liebte seine Mutter innig, doch sie erwiderte seine Gefühle nicht, denn sie hatte ihre ganze Liebe in ihre Schöpfung gegeben. In seiner Wut stürzte sich Zevenaar in das Feuer der Erde, um dort in den glühenden Tiefen das Gefühl zu finden, das ihm seine Mutter nicht gab: die Liebe. Doch auch hier wurde er nicht fündig. Als er aus dem rot glühenden Blut von Zanthera auftauchte, da war sein Herz ebenso glühend vor Hass wie das Feuer. Sie hatte ihm ihre Liebe verwehrt und dafür wandte er sich von ihr ab. Mit der Magie des Feuers und der Erde erschuf er ein Schwert, so mächtig und kraftvoll, dass nur ein Gott es wahrhaftig zu führen vermochte. Zevenaar erschuf Ynsanter – das Schwert des Feuers – die Seele all seines Seins. Mit dieser Waffe trat er noch einmal seiner Mutter gegenüber, und diesmal verlangte er einen Teil ihrer Schöpfung als Ersatz für die ihm verweigerte Herzenswärme. Die Göttin war verwirrt, weder verstand sie die Wandlung ihres Sohnes noch sein Handeln, war doch ihre Schöpfung für alle da. Bebend vor Verbitterung über seine Mutter und dennoch voller Zuneigung zu ihr hielt Zevenaar sein Schwert zurück. Er stürzte sich stattdessen auf ihre Schöpfung, auf Zanthera, und schlug zu. Ynsanter spaltete die Erde und ein gigantischer Riss tat sich auf. Zevenaar belegte das Land daraufhin mit einem Fluch, auf dass sich der Spalt nicht eher schließen möge, bis seine Mutter ihn mit der gleichen Liebe umgäbe, mit der sie auch ihre Schöpfung umgab. Dieser Spalt, der aus Liebe und Hass zugleich geboren wurde, wird von allen Lebewesen seither auch Zevenaar, der Feuerspalt, genannt. Der Göttersohn ließ Ynsanter auf Erden zurück und zog sich in die tiefsten Tiefen des Feuers von Zanthera zurück. Seitdem wartet er vergebens auf die Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes. Doch etwas anderes tat sich auf der Welt. Die alten Wächter der Vergangenheit zogen sich zurück und die Seelen der Iyana wandelten weiterhin umher und bevölkerten das Land zu ihren Füßen. Sie erfreuten sich an der Schönheit, die ihnen geschenkt worden war. Sie liebten die grünen, weiten Felder, die endlosen Wälder und ein jedes Tier war ihr Freund.

Doch mit einem Mal kamen Fremde über das große Meer Ionnaá – die blauen Tiefen – und setzten ihre Füße auf die fruchtbare Erde des alten Volkes. Sie waren anders als die Iyana, vollkommen von ihnen verschieden. Das Volk der Göttin beschloss, die Neuankömmlinge in ihrer Heimat willkommen zu heißen, zum einen aus Neugier und auch, um die Göttin nicht zu erzürnen, die der Welt diese neue Rasse geschenkt hatte. Doch die Fremden, seither als Menschen bekannt und von der Göttin aus einem entfernten Land gesandt, waren nicht gekommen, um Freundschaft zu schließen, sie kamen, um zu erobern und das Land ihr Eigen zu nennen. Ohne Rücksicht und Gewissen griffen sie die friedlichen Iyana an und töteten viele von ihnen. Ängstlich flohen die Überlebenden in die Wälder im Norden, manche auch in die Tiefen der Berge, zu den feurigen Klüften des Südens. Die Menschen ließen sich nicht aufhalten und folgten jenen Wesen, die sie für schwächlich hielten. In ihrer Verzweiflung riefen die Iyana ihre Göttin um Hilfe. Doch diese sagte ihnen, dass sie sich zurückziehen sollen, da sie glaubte, die Menschen würden ihren Fehler bald einsehen. Aber die Göttin irrte sich. Unbeirrbar und beharrlich machten die Eindringlinge Jagd auf das Volk der Iyana. Jene, die sich in den Tiefen der Welt verbargen, erinnerten sich in ihrer Hoffnungslosigkeit an Zevenaar und riefen den mächtigen Herrn des Feuers um Hilfe. Aufgeweckt durch ihr Rufen erschien der Sohn der Göttin aus den Untiefen der Welt und sah auf die jämmerlichen Iyana herab, die ihn gerufen hatten. Erst wollte auch er ihrem kläglichen Leben ein Ende bereiten, doch als ihm eine der Frauen – Lakisha – ewige Treue gelobte, änderte er seine Meinung. Er versprach den Iyana, dass sie ihre Welt zurückerhalten würden, wenn sie seinem Weg folgten. Durch den Kuss des Feuers gab er den Wesen der Göttin die innere Kraft, die sie brauchten. Er brachte ihre Seelen zum Brennen und erfüllte sie mit seiner Stärke und Macht. Zevenaar schenkte ihnen die Kräfte des Feuers und der Erde. Seither nennen sich die Überlebenden in den Bergen Raukarii. Sie ließen ihr früheres Leben hinter sich und wurden zu jenen Wesen, vor denen sich die Menschen in Zukunft fürchteten, mit Haaren so rot wie das Feuer und Augen in der Farbe glühenden Bernsteins. Tödlich und machtvoll wurden sie so zu den Kindern des Gottes. Zevenaar nahm Lakisha – jene Frau, die ihm als Erste die Treue geschworen hatte – zu seiner Gemahlin und gab ihr das nötige Wissen und die Kraft, die Raukarii zu lehren und zu führen. Diese Welt sollte sein und seines Volkes Eigentum werden, das war Zevenaars Wille. So begann der ewige Krieg der Raukarii gegen die Menschen.

Die wenigen überlebenden Iyana in den nördlichen Wäldern der Welt verbargen sich hinter dem höchsten Gebirge, Brin-Krian genannt. Ein Tor von gewaltiger Größe markiert bis heute den Eingang nach Ianara, dem Heim der letzten lebenden Geschöpfe der großen Göttin. Verborgen hinter dichten Bäumen und Zweigen verstecken sie sich dort und vermeiden seit damals den Umgang mit den Menschen und den Raukarii. Das Gebirge Brin-Krian, auch „die Geisterberge“ genannt, soll seit jeher von den gefallenen Iyana bevölkert sein, die die Tyrannen, die einst über die blauen Tiefen in ihr Land eingedrungen waren, zurückhalten. So leben sie dort in Ruhe und Frieden und beten regelmäßig zu der großen Göttin, dass sich Zanthera eines Tages wieder in das freie Land wandeln werde, das es ehemals war. Die Iyana, die in prächtigen Städten und Siedlungen zu Hause sind, werden von den Menschen und Raukarii gleichermaßen nur „die Feen“ genannt. Ihre Erscheinung gleicht in ihren Augen der eines göttlichen Engels. Ihr langes Haar in Schwarz und Braun fällt ihnen glatt über den Rücken, ihre Augen leuchten blau, grün oder violett und sie sind von großer und schlanker Gestalt. Ein Volk, das im Einklang mit der Natur lebt.

Doch was die Raukarii und die Iyana vereint sind die tief verwurzelten Äste und Zweige ihres Seins, dem Baum des Lebens. Ihre langen, spitz zulaufenden Ohren und ihre Unbeugsamkeit sowie ein Tausende von Jahren währendes Leben zeichnen sie als die willensstarken Geschöpfe Zantheras aus.

Seit jener Zeit leben die drei Völker getrennt voneinander. Die Raukarii, von ihren Feinden auch Düsteralben genannt, bewohnen den Süden hinter dem Feuerspalt, das Land Leven’rauka. Die Menschen leben in der Mitte des Festlandes, das von seinen Bewohnern Teriman getauft wurde, von wo aus sie sich immer weiter auszubreiten suchen. Die Iyana leben im Norden hinter dem Brin-Krian, in den tiefen Wäldern von Ianara. Doch es wird eine Zeit kommen, in der diese Grenzen nicht mehr gültig sein werden, denn ein neuer Krieg bedroht die Welt. Der letzte große Anführer der Raukarii, Zakar genannt, ist vor vielen Jahrhunderten gegangen und hat das Schwert Ynsanter, das Zeichen der göttlichen Herrschaft auf Erden, mit sich genommen, in der Hoffnung, dass nur der Stärkste seiner Art das Schwert an sich nehmen würde. Das Volk der Raukarii ist seither auf der Suche nach dem Schwert ihres Gottes und wenn sie es finden, dann wird ein neuer Krieg über die Welt hereinbrechen – einer, der ihr Antlitz für immer verändern kann.

Neferrilion – Herr des Turms


Kapitel 1
Der Überfall


Die Raukarii waren wieder auf der Jagd. Überall spähten Augen, leuchtend wie glühende Kohlen, aus der Finsternis hervor.

In der Schwärze der Nacht schlichen sie lautlos durch den großen Wald von Ianara, der sich über einen Flecken von Zanthera ganz in der Nähe des mächtigen Brin-Krian-Gebirges im Norden erstreckte. Den Rand des ausgetretenen Pfades säumten gewaltige Bäume sowie kleine Sträucher und Büsche. Die Natur wuchs hier wild und das Unterholz war dicht, sodass die nahenden, dunklen Silhouetten den Augen der wachhabenden Iyana aus dem Dorfe Wael entgingen. Langsam, einen Schritt nach dem anderen setzend, kämpften sich die geschickten Raukariisoldaten an ihr Ziel heran. Sie lagen im angrenzenden Unterholz auf der Lauer, als der Befehl laut durch die Nacht hallte und die Stille des Waldes zerstörte: „Zum Angriff!“

Wie ein Mann sprangen die Raukarii durch die Büsche auf die kleinen Holzhäuser von Wael zu. Die Überraschung war perfekt, und durch ihr grandioses Geschick mit dem Schwert, durch ihre Schnelligkeit und – nicht zu vergessen – durch ihr heimliches Vordringen waren die Raukarii klar im Vorteil. Bis die Iyana begriffen hatten, was geschehen war, war der Kampf bereits in vollem Gange.
„Raukarii! Wir werden angegriffen!“, klang von irgendwoher der panische Schrei einer Iyanafrau durch die finstere Nacht.

„Lauft um euer Leben!“, schrie eine weitere Stimme, diesmal gellend ausgestoßen von einem Mann.
Ataran Neavaras hörte die lauten Rufe, die das Unheil ankündigten; als sie an sein Ohr drangen, rissen sie ihn aus seinem ohnehin leichten Schlaf. Augenblicklich hellwach und von der Sorge ergriffen, es könnte bereits zu spät sein, sprang der große Iyanahauptmann aus dem Bett, eilte ans Ende seiner Schlafstätte und zog hastig seine dort stehenden braunen Wildlederstiefel an. Seine Kleidung, eine braune Lederhose und ein waldgrünes Hemd, hatte er nicht ausgezogen, als er sich vor einer Stunde ins Bett gelegt hatte, daher war er sofort bereit.

Schon Tage zuvor hatte Ataran Neavaras – Hauptmann der Wache des kleinen Dorfes Wael am Rand des mächtigen Brin-Krian-Gebirges – den Verdacht gehegt, dass sich ihre Feinde hier im Wald herumtrieben, obwohl es keine genauen Hinweise gegeben hatte.

Die Raukarii, auch Düsteralben genannt und einst die Brüder der Iyana, da beide vor langer Zeit aus demselben Volk hervorgegangen waren, kamen hin und wieder in den Norden. Sie durchquerten dann das Land der Menschen und gelangten letztendlich über die Berge in den großen Wald Ianara. Kaum etwas schien sie davon abhalten zu können, nicht einmal der lange Marsch über den großen Kontinent, während dem sie etliche tausend Kilometer von Süden nach Norden zogen. Diese Überfälle waren zwar selten, kamen aber dennoch kaum überraschend. Die Raukarii versuchten des Öfteren, große Beute zu machen und Sklaven zu nehmen. Gleichfalls wussten die Iyana auch um die Suche der Düsteralben nach einem der kostbarsten Relikte, die für sie bereits zu einer Art heilige Jagd geworden war.

Dabei handelte es sich um die Suche nach Ynsanter – dem Schwert des Feuers –, erschaffen von Zevenaar, um die große Göttin einst ihrem Tod zu überantworten. Das Geschenk des Sohnes der Göttin an die Raukarii, das zugleich das Herrschaftssymbol des düsteren Volkes war, war jedoch verschwunden und seit vielen Jahrhunderten unauffindbar. Das Brudervolk der Raukarii, die Iyana – auch Feen genannt und von den Raukarii mehr verachtet als die Menschen von Teriman – lebten im großen Wald Ianara und dienten der großen Göttin, der Mutter von Zevenaar. Das allein war für die Raukarii schon Grund genug, die Iyana als Feinde anzusehen und ihnen zu schaden. Tief verwurzelt in ihrem Glauben hielten sich die Düsteralben für ausgestoßen und dennoch für genauso mächtig wie den Gott, den sie verehrten. Sie huldigten dem Feuergott Zevenaar und die Legenden besagten, dass das Volk der Raukarii eines Tages einen neuen und starken Anführer hervorbringen würde, der sie zum Sieg führen und die Düsteralben zu den wahren Herrschern über Zanthera machen würde. Dabei sollte Ynsanter eine große Rolle einnehmen. Das Götterschwert sollte sich an einem geheimen Ort in Ianara befinden, den genauen Ort kannte jedoch keiner. So bekämpften und überfielen die Raukarii unablässig die Iyana und die Menschen, die es wagten, nach Leven’rauka zu kommen, oder die sich ihnen auf dem Weg nach Ianara in den Weg stellten.

Gerüchten zufolge, die Ataran zur Genüge bekannt waren, sollte Ynsanter sich irgendwo an der Küste von Ianara befinden, aber diese Vermutung schienen nicht einmal die Iyana selbst stützen zu können. Keiner vermochte den Aufbewahrungsort des heiligen Schwertes zu nennen, außer vielleicht die Hohen und Mächtigen dieser Welt. Das waren jedoch nur sehr wenige, und sie lebten entweder zurückgezogen von der Zivilisation oder schwiegen schlichtweg.

Die Ankunft der Raukarii konnte für Ataran in jenem Moment also nur eines bedeuten: Gefahr! Ob sein Brudervolk auf Raubfang oder zum wiederholten Male auf der Suche nach Ynsanter war, wurde zur Nebensächlichkeit. Sie griffen sein Dorf und dessen Bewohner an. Die Familie der Iyana schwebte in Lebensgefahr.

Erneut drangen panische Schreie an Atarans Ohr und sagten ihm, dass er keine Zeit verlieren durfte. Sein Volk brauchte ihn, als Iyanahauptmann war er für die Sicherheit seines Dorfes verantwortlich. Eilig griff er nach seinem Waffengürtel, in dem das prachtvolle Schwert aus vielfach gehärtetem Stahl steckte, und zog die Klinge im nächsten Augenblick aus der Scheide. Sie besaß einen Griff aus Elfenbein – solche Schwerter durften nur von den Hauptmännern der Iyanasoldaten getragen werden. Kein gewöhnlicher Krieger würde sich über diese schon seit Jahrtausenden bestehende Tradition hinwegsetzen. Die scharfe Klinge fest in seinen Händen, stürmte Ataran hinaus ins Freie.

Gleich darauf stand Ataran Neavaras vor seiner kleinen Behausung mitten im Dorf Wael und schaute entsetzt in das Durcheinander der fliehenden Iyana. Viele Bewohner rannten um ihr Leben oder waren schon in heftige Kämpfe verwickelt. Schreie hallten durch die dunkle Nacht, Kinder weinten und wieder gellte die Warnung aus dem heillosen Gewimmel der Flüchtenden: „Wir werden angegriffen! Es sind Düsteralben!“

Der Albtraum hat begonnen, war Atarans erster Gedanke, als er sich in Sekundenschnelle ein Bild von der Lage machte. Erst vor wenigen Tagen hatten er und seine Soldaten Raukariiaktivitäten in diesem Teil ihrer Heimat vermutet. Doch niemand, nicht einmal die Ältesten des Clans Varas aus der gleichnamigen Hauptstadt von Ianara, aus dem auch Ataran stammte, hatte mit einem Überfall gerechnet. Wie hatten sie sich nur so irren können? Das Schreckensszenario direkt vor seinen Augen jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

„Ihr wolltet mir nicht glauben, jetzt werden die Unschuldigen für eure Nachlässigkeit ihr Leben lassen“, fluchte Ataran bitter vor sich hin.

Fest umklammerte er den Elfenbeingriff seines Schwertes und stürzte sich mitten hinein ins Geschehen. Eine junge Iyana hinter ihm schrie plötzlich laut auf. Als der Krieger sich umwandte, stand nur wenige Meter von ihm entfernt ein Raukarii. Unheil verkündend leuchteten seine Augen auf und er rief etwas in seiner Sprache, was Ataran nicht verstand. Der Ton und die Art und Weise, wie der Feind die Worte ausstieß, ließen allerdings nur eine Lesart zu – Tod! Der Feind zog soeben sein Langschwert aus dem Körper der eben noch schreienden Iyanafrau, die daraufhin leblos zu Boden sank. Einen Atemzug später stürzte er sich auf Ataran. Ihre Waffen trafen klirrend aufeinander. In einem schnellen Tanz wirbelten die Schwerter durch die Luft. Stahl traf auf Stahl und die Funken stoben nur so durch die ungeheure Kraft des Aufpralls. Die Wut über das erbarmungslose Töten der Frau verlieh Ataran den nötigen Mut, sich der geschickten Kampfkunst des Raukarii zu stellen, der eindeutig ein guter Kämpfer war und den Iyanahauptmann mehrmals hintereinander ins Straucheln brachte. Doch einige gut gezielte Schläge Atarans konnte er nur mit Mühe abwehren. Einige Minuten gaben sich der Iyana und der Raukarii dem Rhythmus des Kampfes hin, bis sich das Blatt schließlich wendete. Die Schläge erfolgten im Takt ihres eigenen Herzschlags, als es Ataran plötzlich gelang, die defensive Abwehrhaltung des Gegners zu überwinden und diesen in einem schnellen Vorstoß an der rechten Schulter zu treffen. Der Raukarii stöhnte schmerzerfüllt auf und ließ gleichzeitig die Klinge zu Boden fallen, welche er mit dem rechten Arm eben noch so geschickt geführt hatte. Nun durfte Ataran keine Zeit vergeuden. Sofort zog er die scharfe Klinge heraus, nur um anschließend noch ein weiteres Mal zuzustoßen. Diesmal traf der Hauptmann den Brustkorb. Der Schlag war tödlich. Die Augen des Düsteralben blitzten noch einmal hell auf, dann stürzte er auf die Knie, senkte den Kopf und landete mit dem Gesicht nach unten im weichen Gras.

Ataran konnte sich jedoch keine Verschnaufpause gönnen, schon glitt sein Blick erneut über das Kampfgetümmel. Selbst in der mondlosen Nacht erkannte der Hauptmann das Ausmaß des Überfalls. Die kleine Lichtung wurde von den lichterloh brennenden Häusern seines Dorfes erhellt, und als wäre dies nicht genug, sah er überall in seiner Nähe viele tote Frauen und Kinder auf dem Boden liegen, die zuvor von den Feinden aus ihren Häusern getrieben worden waren. Doch etwas anderes als der grausige Anblick erschreckte ihn weitaus mehr – die Gegner waren nicht alleine. Bereits im nächsten Moment erhaschte Ataran aus dem Augenwinkel, wie sich ein gewaltiges Untier von mehreren Metern Höhe direkt in seine Richtung bewegte. Schnell wandte er den Kopf der Gefahr zu und erkannte einen Raukarii, der in eine Robe gehüllt auf einer riesigen Schlange saß. An beiden Seiten des Schlangenkörpers ragten Flügel he­raus, ihre Fangzähne trieften vor Gift. Der Feind saß direkt vor dem Flügelansatz auf einem Sattel und schrie in der Raukariisprache abwechselnd seinen Männern und dem Tier Befehle zu. Die geflügelte Schlange reagierte auf das Kommando mit einem hohen, spitzen Schrei und flog mit schlängelnden Bewegungen und mächtigen Flügelschlägen auf die Mitte der Lichtung zu, genau in Atarans Richtung.

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